Anna Ibrahim, Die Dornen in meinem Rosengarten – Interview mit der Dichterin
Milena Rampoldi, ProMosaik Voice, 02. Mai 2025.
Anbei mein Interview mit der Dichterin Anna Ibrahim, die in Zusammenarbeit mit ProMosaik Poetry ihr Gedichtband mit dem Titel „Die Dornen in meinem Rosengarten“ herausgegeben hat. Das Buch ist tief philosophisch und gleichzeitig existentiell und weiblich. Religion und Poesie paaren sich in diesen Gedichten. Und so auch Mystik und Sinnfindung.

Was bedeutet für dich der poetische Ausdruck?
Ich wollte schon immer schreiben. Es hat aber in Wirklichkeit daran gescheitert, dass ich nicht wusste, wie man ein Buch beginnt. Außerdem hatte ich mit Haus, Kindern und Arbeit keine Zeit, mich näher damit zu beschäftigen. Ich war aber immer schon ein Fan von guten Gedichten und sinnvollen Sprüchen. Ich habe mich dann vor einiger Zeit mit der Wichtigkeit von Worten befasst und habe versucht, meine Sprache zu verändern und bewusster zu gestalten. Als ich dann schwer erkrankte und ich an das Haus gebunden war, wollte ich über diese schlimme Erfahrung berichten. Ich begann zuerst in Form einer Selbsttherapie zu schreiben, bis ich merkte, dass meine Erlebnisse auch für andere Menschen interessant und hilfreich sein könnten. So entdeckte ich das Schreiben. Die Gedichtesammlung entstand vor über 20 Jahren. Nun hatte ich die Motivation, ihn fertigzustellen und zu veröffentlichen. Mein drittes Buch ist vor der Fertigstellung und mein viertes Buch bereits in Arbeit. Das Thema meines fünften Buches steht bereits fest, wie auch der Titel meines sechsten Buches. Ich liebe die Beschäftigung mit verschiedenen Themen und merke, wie ich selbst daran wachse.
Warum ist religiöse Dichtung so wichtig für die persönliche und soziale Entwicklung einer Frau?
Der Alltag hält uns Frauen in Atem. Es wird gemacht, was gemacht werden muss, und dabei bleibt die Beschäftigung mit religiösen Themen oft auf der Strecke. Es ist mühsam, ein Buch mit mehreren hundert Seiten zu lesen und es ist mühsam, ein wirklich gutes Buch zu finden. In der Dichtung werden wichtige Themen in kurzen Einheiten auf den Punkt gebracht. Gute Gedichte gehen unter die Haut und bringen zum Nachdenken. Mich persönlich haben die Gedichte ein Ventil für meine Gedanken und Erlebnisse gegeben. Ich hoffe, dass auch andere Frauen sich darin wiedersehen können.
Welche sind die Hauptthemen der Sammlung?
Als konvertierte Muslimin, habe ich den Islam von Null auf gelernt. Als erwachsene Person habe ich viele Dinge mit anderen Augen gesehen und habe dabei erkannt, dass das geschriebene Wort und die gelebten Traditionen oft nicht übereinstimmten. Ich habe das Verhalten der Nichtmuslime, aber auch der Muslime betrachtet. Der Islam, dem ich mich zuwandte, war für mich wie ein Rosengarten. Der Islam und sein Stellenwert in der Gesellschaft, den ich in Wirklichkeit sah, waren für mich wie Dornen in diesem Garten. Ich habe mich daher in meinen Gedichten, von mehreren Seiten aus betrachtet, kritisch damit auseinandergesetzt. Gleichzeitig habe ich auch eine Gedichte mit dem Blick in meiner Vorstellung meines Rosengartens verfasst. Ich möchte die Leser anregen, sich selbst mit ihrem Bild als muslimischer Gläubiger in dieser Gesellschaft auseinander zu setzen.
Was denken Sie über die Ideen der Poetotherapie?
Für mich persönlich ist die poetische Arbeit eine Therapie. Ich bemerke, wie ich durch die Beschäftigung mit verschiedenen Themen persönlich wachse und mein Wissen erweitere. Aber es hat viele Jahre gedauert, bis ich dies erkannte und mich auch zum Schreiben befähigt fühlte. Ich kann nur jedem empfehlen, sich mit dem Schreiben zu beschäftigen. Es muss ja nicht gleich die Qualität einer Buchveröffentlichung besitzen. Aber schon ein Tagebuch kann sehr hilfreich sein. Geschriebene Worte sind meist viel bedachter, als gesprochene. Sie sind überlegter und können wieder ausradiert werden, wenn man sich mit seinen Gedanken näher auseinandersetzt. Das Schreiben regt zur Selbstreflexion an, was ich persönlich als eine sehr wichtige Eigenschaft sehe.
Wie sehen Sie die Entwicklung der Diskriminierung gegenüber der muslimischen Frauen in Europa seit ihrer Konvertierung?
Ich konvertierte vor beinahe 40 Jahren. Da gab es noch kaum weitere Konvertierten. Damals erlebte ich Diskriminierung eher unter muslimische Frauen, die mir sehr kritisch gegenüber standen. Die muslimische Frau trat damals in der Öffentlichkeit noch kaum in Erscheinung. Da ich kein Kopftuch trage, erlebte ich nie eine Diskriminierung aufgrund meines Aussehens. In der Arbeit erlebte ich alles, von Diskriminierung bis zur Offenheit und Unterstützung. In der Gesellschaft sehe ich eine sehr erstaunliche Entwicklung. Einerseits gibt es eine klare Diskriminierung allem muslimischen gegenüber, andererseits gibt es aber auch Gesellschaftsgruppen, die dem Islam gegenüber sehr offen und interessiert sind. Von muslimischen Frauen höre ich Unterschiedliches. Manche berichten von mehrmaligen Übergriffen, während andere überhaupt keine Probleme haben. Meine Tochter trägt seit einem Jahr Hidjab und hatte noch nie Probleme damit.
Ich glaube auch, dass durch die in den Medien oft dargestellten Berichten über Gewalttaten von Muslimen, die Ablehnung von muslimischen Männern stark im Wachsen ist.
Wie sehr hängen weibliche Entwicklung und mystische Erfahrung zusammen?
Der Islam scheint auf den ersten Blick Frauen gegenüber ungerecht und diskriminierend zu sein. So wird er auch von der nichtmuslimischen Gesellschaft interpretiert. Erst eine tiefe göttliche Verbundenheit lässt die Bedeutungen und Absichten hinter den Worten von Koran und Hadithen erkennen. Vieles, was zum Nachteil der Frau erscheint, verliert seine negative Auslegung und bringt die wahre Wohltat zum Ausdruck. Jetzt kommt aber mein großes ABER! Die Gesellschaft – und vor allem auch die männliche Gesellschaft – muss sich an die religiösen Vorschriften halten. Die besten mystischen Erfahrungen helfen einer Frau in ihrer positiven weiblichen Entwicklung nicht, wenn sie in der Realität Gewalt, Unterdrückung und Ablehnung erfährt.











